Joeys Geschichte

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Mein bester Freund Joey ist 2001 für einen Mord schuldig gesprochen worden, den er nachweislich nicht begangen hat. Und obwohl eine Richterin im Jahre 2008 dieses auch so bestätigt hat, sitzt er bis heute unschuldig in Florida im Gefängnis.

Lawrence Joey Smith ist im Juni 1999 in eine Wohnsiedlung gezogen, welche von Faunce P. verwaltet wurde. Faunce P. war ein Drogendealer, der sein Geschäft zusammen mit Teddy B. geführt hat. In der Nacht des 13. Septembers 1999 beauftragte Faunce P. die späteren Opfer Robert C. und Stephen T. und deren Freunde Ken S. und Amanda H. Drogen für ihn zu besorgen im Wert von $1300. Die vier fahren los, um die Drogen zu holen, werden dann aber von ihren Mittelsmännern um das Geld betrogen, so dass die Gruppe ohne Geld und ohne Drogen zu Faunce P. zurück kommt. Dieser hat die vier dann über Stunden als Geiseln genommen, sie mit seiner Waffe bedroht und das spätere Opfer Stephen T. zu Oralsex genötigt. Ken S. und Amanda H. wurden jeweils von ihren Familienangehörigen aus dieser Situation geholt. Dann hat Faunce P. seinen Freund Teddy B. angerufen. Was in diesem Telefonat genau gesagt wurde, weiß niemand so genau, weil Teddy seine Aussage dazu mehrfach geändert hat. Teddy holt erst seinen besten Freund Heath B. und klopft dann an Joeys Tür und sagt ihm, Faunce wäre verprügelt worden und braucht Hilfe. Joey, der zu diesem Zeitpunkt schon im Bett lag, zieht sich an und begleitet die beiden. Wenige Minuten später ist Robert C. tot und Stephen T. schwer verletzt. Er hat nicht gesehen, wer auf ihn geschossen hat. Die Tatwaffe ist die Waffe von Faunce P.

Teddy und Heith werden noch in derselben Nacht von der Polizei vernommen. Zuerst bestreiten sie am Tatort gewesen zu sein, geben das dann aber zu und sagen aus, Joey hätte geschossen. Dann dürfen beide nach Hause gehen und haben bis heute nicht eine Nacht im Gefängnis verbracht. Nicht mal in Untersuchungshaft. Die Polizeiarbeit hat sich ab diesem Moment einzig und allein auf Joey als Täter konzentriert. Er wird in derselben Nacht verhaftet. Faunce ist unauffindbar und auf der Flucht und wird erst Wochen später verhaftet. Obwohl die Polizei nur wenige Stunden nach der Tat drei der vier möglichen Täter kennt, wird ausschließlich Joey auf Schmauchspuren untersucht und ins Gefängnis überführt.

Faunce P. wird angeklagt, weil er den Mord und versuchten Mord in Auftrag gegeben haben soll. Und Joey wird angeklagt der Schütze gewesen zu sein. Bis zum Prozess werden Heith und Teddy insgesamt 7 Mal von der Polizei oder dem Staatsanwalt befragt. Keine Aussage gleicht der anderen. Joey wird ein Deal angeboten, wenn er sich schuldig bekennt. Er lehnt ab, weil er glaubt, der Schmauchspurentest wird seine Unschuld beweisen. Der Prozess beginnt 2001. Der Staatsanwalt gibt bekannt, dass das Ergebnis des Schmauchspurentests leider verloren gegangen sei und keiner das Ergebnis kenne. Joeys Pflichtverteidiger macht keine Anstalten den Befund des Labors oder die eigentlichen Abstriche zu suchen. Ab diesem Moment dreht es sich nur noch darum, ob die Jury den Aussagen von Teddy und Heith glauben wird oder nicht, denn mehr hat der Staatsanwalt nicht vorzubringen. Vor dem Prozess gibt es mehrere Zeugen, die sich an Joeys Pflichtverteidiger wenden und aussagen, dass Teddy ihnen gegenüber gesagt hat, dass er falsch gegen Joey aussagen wird, um seine eigene Haut zu retten. Da es Joeys Pflichtverteidiger im Prozess versäumt, Teddy im Kreuzverhör zu fragen, ob er jemals gesagt hat, er würde falsch aussagen, darf der Verteidiger diese Zeugen nicht mehr aufrufen, da der Staatsanwalt so leider zurecht argumentieren kann, dass das Hörensagen ist.

Joey hat kein Motiv. Er war weder an dem Drogendeal beteiligt, noch hat er die Opfer jemals zuvor gesehen. Weshalb der Staatsanwalt der Jury erzählt, dass Joey aus reinster Mordlust gehandelt hat. Er sei ein unberechenbarer Killer, der sogar dann tötet, wenn er keinen Vorteil daraus ziehen kann. Einfach so, weil es ihm halt Spaß macht. Diese Behauptung wird dann durch den Kronzeugen der Anklage, Teddy B. untermauert, der nun vor der Jury und zum ersten Mal überhaupt aussagt, Joey hätte ihm in dieser Nacht noch 11 weitere Morde gestanden. Nachdem er bisher immer ausgesagt hat, Joey hätte kein Wort gesagt, nachdem er geschossen hat, sagt er nun im Prozess auf die Frage, ob Joey irgendetwas gesagt haben soll aus, Joey hätte gesagt „That’s twelve and thirteen, eight more to go and I’ll match Billy the Kid.“ Joey wird später versuchen auf Grund dieser Aussage einen neuen Prozess zu bekommen, denn ich muss wohl nicht erwähnen, dass so eine Aussage einen bleibenden Eindruck auf eine Jury macht. Aber der Florida Surpreme Court lehnt ab und begründet es damit, dass diese Aussage wichtig war, um den Charakter Joeys einordnen zu können. Die Tatsache, dass Joey noch nie zuvor eines Gewaltverbrechens angeklagt wurde sagt offenbar weniger über seinen Charakter aus, als diese Behauptung von Teddy B. Teddy sagt weiter aus, dass er gesehen und gehört haben will, dass Joey Faunce um seine Waffe gebeten hat und die beiden daraufhin ihre Waffen getauscht haben sollen. Stephen T., das überlebende Opfer, das zu jedem Zeitpunkt anwesend war, sagt jedoch aus, dass er so etwas weder gehört, noch gesehen hat und dass er sich zu keinem Zeitpunkt von Joey bedroht gefühlt hat. Trotzdem glaubt die Jury Teddy B. und nicht dem Opfer und Joey wird 2001 zum Tode verurteilt.

2004 gewinnt Joey ein Resentencing, weil der Richter 2001 der Jury gesagt hat, dass wenn sie ihn für schuldig halten getötet zu haben, dann MÜSSEN sie für die Todesstrafe stimmen. Da das juristisch nicht richtig ist, wird die Strafmaßphase des Prozesses wiederholt. Bevor es so weit ist, bittet mich Joeys neuer Pflichtverteidiger, der schon über ein halbes Jahr mit dem Fall beauftragt ist, ihm doch mal genau zusammenzuschreiben, worum es in dem Fall überhaupt geht, weil ich den Fall ja viel besser kennen würde als er. Joey entscheidet daraufhin sich selbst zu verteidigen, weil er nicht glaubt, dass sein Anwalt sich wirklich bemühen wird für ihn. Sein Pflichtverteidiger ist nur noch Stand by councel. Einer Privatdetektivin gelingt es 2007 die Original-Schmauchspuren-Abstriche aus der Tatnacht zu finden. Sie werden an ein unabhängiges Labor geschickt. Das Ergebnis ist negativ. Es wurde ein Partikel an seiner linken Handinnenfläche gefunden. Joey ist Rechtshänder. Hätte er geschossen, hätten sich hunderte Partikel an der Außenseite seiner rechten Hand befinden müssen. Der Staatsanwalt argumentiert, dass Schmauchspurentests eh nicht zuverlässig seien. Das Ergebnis wird für das Resentencing als Beweis nicht zugelassen.

Da der Richter aus dem Prozess 2001 zwischenzeitlich in Rente gegangen ist, wird Richterin Lynne Tepper mit dem Fall betraut. Für Joey sicherlich ein großes Glück, weil sie den Fall nicht kannte und sich durch alle Akten arbeiten musste und ihr deshalb gleich mehrere Ungereimtheiten auffielen und auch die Aussagen von Teddy und Heith noch frisch in ihrem Gedächtnis waren. Diese sagen beide auch wieder aus und Teddy erzählt erneut Dinge, die er vorher noch nie erzählt hat. Darauf angesprochen, ob er sich noch an seine alten Aussagen erinnern könnte, die so ganz anders waren, als dass was er jetzt aussagt, erwidert er, dass er sich 8 Jahre später halt noch besser erinnern könnte. Die Jury stimmt erneut mit 7 zu 5 für die Todesstrafe.

Und dann passiert etwas bemerkenswertes. Richter sind eigentlich gehalten sich an die Empfehlung der Jury zu halten und tun das auch in dem Großteil der Fälle. Richterin Lynne Tepper tut es nicht. Sie entscheidet sich gegen die Todesstrafe und legt auf 23 Seiten in ihrer Sentencing Order dar, wieso sie sich so entschieden hat. So schreibt sie:

„Was nicht zweifelsfrei bewiesen ist, ist, wer der Schütze war. Der einzige Beweis, der angeboten wird, um festzustellen, wer der Schütze war, ist die Aussage von Teddy B., welcher Joey Smith Aussagen zuschreibt, die andere offenbar nicht gehört haben“. Außerdem schreibt sie, dass die Aussagen von Heith und Teddy in vielen Punkten von der Aussage des überlebenden Opfers abweichen und seine Aussage glaubwürdig ist und die von Teddy und Heith nicht. Desweiteren legt sie dar, dass die Indizien mehr als einen Schluss zulassen, was in dieser Nacht passiert ist. Und dass Teddy B. jeden Grund hatte zu lügen, weil er im Gegensatz zu Joey ein Motiv gehabt hat, denn das Geld in dem besagten Drogendeal gehörte zu einer Hälfte Faunce P. und zur anderen Hälfte Teddy B. Auch etwas, was die Jury im ersten Prozess nie gehört hat.

Sie schreibt weiter, dass Joeys Beteiligung in dieser Nacht minimal war und er in keiner Weise schuldiger als Teddy und Heath sei. Sie schreibt „Zwischen Joey Smith und den beiden nicht angeklagten Teddy B. and Heath B. ist es nicht möglich die Verhältnismäßigkeit zu wahren, wenn ein Angeklagter zum Tode verurteilt wird und zwei ohne Anklage und Urteil frei herumlaufen. Es schockiert dieses Gericht darum gebeten zu werden“.

Da es sich bei einer Strafmaßphase ausschließlich darum dreht, wie ein Angeklagter zu bestrafen ist und seine Schuld vorrausgesetzt wird, waren ihr die Hände gebunden mehr für Joey zu tun, als ihn nicht zum Tode zu verurteilen. Dennoch hatte ich nach diesem Urteil große Hoffnungen. Nicht nur, weil Joey nicht wieder zum Tode verurteilt wurde, sondern weil es dort schwarz auf weiß geschrieben steht, dass es dem Staat eben nicht gelungen ist zu beweisen, dass Joey der Täter ist, was laut amerikanischem Recht eine Voraussetzung für einen Schuldspruch ist. Und dass Joey ausschließlich auf Grund von unglaubwürdigen Aussagen verurteilt wurde. Leider haben sich all unsere Hoffnungen in Luft aufgelöst.

Da Joey seit 2008 keinen Pflichtverteidiger mehr hat und seine Familie nicht über die finanziellen Mittel verfügt einen Anwalt zu bezahlen, schlägt sich Joey seitdem allein durch. Und er macht natürlich Fehler, meistens formaler Art, die es den Gerichten leicht machen seine Anträge abzulehnen.

Im März ist sein Habeas Corpus abgelehnt worden und zwar ohne dass man ihm erlaubt hätte, weiter dagegen Einspruch einzulegen. Ich habe also im April eine Email an alle auffindbaren Berufungsanwälte in Florida geschickt mit dem dringenden Appell Joey zu helfen, weil er nur 30 Tage Zeit hat einen Antrag beim Berufungsgericht in Atlanta einzureichen und da es seine allerletzte Chance ist, zu verhindern vor Gericht mundtot gemacht zu werden. Ich habe viele Reaktionen bekommen, aber leider mit Angeboten, die meine finanziellen Möglichkeiten weit überschreiten.

Und dann hat sich Robert Berry ( https://www.floridabar.org/directories/find-mbr/profile/?num=714216 ) bei mir gemeldet. Er ist sowohl Strafverteidiger als auch Anwalt für Berufungen mit über 33 Jahren Erfahrung. Er bat mich um weitere Unterlagen, um sich ein genaueres Bild von dem Fall zu machen und machte mir nach Sichtung der Unterlagen ein wirklich bemerkenswertes Angebot. Er war bereit den Fall für ein Viertel seines normalen Honorars zu übernehmen, weil er davon überzeugt ist, dass hier ein großes Unrecht passiert ist. Außerdem sagte er, dass ihm in 33 Jahren noch nie so eine bemerkenswerte Sentencing Order wie die von Lynne Tepper begegnet sei, da sie Joey quasi für unschuldig erklärt hat. Mein Mann und ich waren in der Lage diesen Betrag irgendwie aufzutreiben und Robert Berry hat sich sofort an die Arbeit gemacht und am 27. Mai den Antrag in Atlanta eingereicht.

https://www.dropbox.com/s/vqwcq6vuccq 481t/Motion%2… )

Im Moment warten wir auf die Entscheidung des Gerichts. Das kann aber sehr schnell gehen, weil die Staatsanwaltschaft ihrerseits darauf verzichtet hat auf den Antrag zu reagieren. Sollte der Antrag stattgegeben werden, würde Robert Berry Joey in Atlanta vor Gericht vertreten. Sollte der Antrag abgelehnt werden, würde Mr. Berry vor den US Supreme Court ziehen. Für beide Fälle reichen meine finanziellen Mittel nicht mehr. Obwohl auch hier das Angebot von Mr. Berry mehr als großzügig war, komme ich einfach an meine finanziellen Grenzen.

Weshalb ich um Eure Hilfe bitte, damit Joey seine letzte Chance auf Gerechtigkeit nicht verpasst.

Patricia Pischke